Vom Tyrannenmord
May 27, 2010
By nada
Filed in kein vergessen
.
Am 27. Mai 1942 verübten drei Agenten des Special Operations Executive mit Hilfe zahlreicher Unterstützer einen Anschlag auf den Mann, welcher die Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus wie kein anderer geplant, organisiert und durchgeführt hat. Keiner dieser Agenten sollte den kommenden Monat überleben.
Zur Person Reinhard Heydrich
Der nationalsozialistische Musterarier Reinhard Heydrich wurde 1904 in Halle geboren. Durch seine nationalistischen und antisemitischen Eltern geprägt schloss er sich bereits mit 15 dem Freikorps von Georg Maercker an und war Mitglied des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes. Eine Karriere bei der Marine scheiterte in den zwanziger Jahren auf Grund seines „arroganten Verhaltens“ und er wurde schließlich 1931 wegen „ehrwidrigen Verhaltens“ aus der Marine entlassen. Noch im gleichen Jahr schloss er sich der NSDAP sowie der SS an und begann seine Blitz-Karriere als Nationalsozialist; denn gerade zwei Monate nach seinem Beitritt zur Partei des nationalen Sozialismus wurde er bei Heinrich Himmler vorstellig und begeisterte diesen mit seinen Plänen für einen Nachrichtendienst so sehr, dass Himmler ihn mit dem Aufbau des Sicherheitsdienstes (SD) beauftragte. Heydrich machte sich also daran den NSDAP eigenen Geheimdienst aufzubauen und fleißig Informationen über den politischen Gegner (auch in der eigenen Partei) zu sammeln sowie nach 1933 die Wehrmacht zu beobachten. Auf Heydrichs Rechnung geht im Kontext des SD unter Anderem die Inszenierung der Röhm-Affaire 1934 sowie das Theaterstück rund um den Überfall auf den Sender Gleiwitz 1939.
1939 wurde Heydrich dann auch von Himmler zum Chef des frisch gegründeten Reichssicherheitshauptamt (RSHA) ernannt, welches die bis dato getrennt agierenden und des öfteren in Konflikt zueinander stehenden Strukturen des SD sowie der Sicherheitspolizei vereinte. Das RSHA war von seiner Gründung an darauf ausgerichtet die antisemitische Politik des Deutschen Reiches in die Tat umzusetzen und die planmäßige Ermordung von vermeintlichen oder echten Regimegegnern im Reich und in den besetzten Gebieten zu koordinieren. Heydrich nahm diese Aufgabe gerne an und ließ bereits im September 1939 durchblicken, dass man im RSHA bereits an einem „geheimen Endziel“ der Judenfrage arbeiten würde; auch die von Heydrich entworfenen „Judenghettos“ waren für ihn von Anfang an nur eine Zwischenstadtion hin zu einer endgültigen „Lösung“. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass es Heydrich war, dem Hermann Göring im Sommer 1941 mit der Aufgabe betraute ein Konzept für die „Gesamtlösung der Judenfrage“ zu erarbeiten. Daraufhin setzte sich Heydrich u.A. mit Adolf Eichmann zusammen und berief im Januar 1942 die „Wannsee-Konferenz“ ein, auf welcher er sein Konzept von „Arbeitseinsatz“, „Sonderbehandlung“ und „natürlicher Verminderung“ vorstellte.
Des weiteren wurde Heydrich im Herbst 1941 von Hitler zum „stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren“ ernannt, also zum Verwalter der besetzten Tschechoslowakei. In dieser Funktion organisierte er nicht nur die Ausbeutung der tschechischen Bevölkerung sowie den „Anti-Partisanen-Kampf“, in welchem keinerlei Rücksicht auf Zivilisten genommen wurde, sondern vollstreckte auch die Vernichtung der tschechischen Juden.
.
.
Operation Anthropoid
In Großbritannien entschied man sich 1941 dem treiben Heydrichs ein Ende zu bereiten. Unter Zusammenarbeit des britischen Geheimdienstes und der tschechischen Exilregierung entstand der Plan zur Ermordung Reinhard Heydrichs. Am 29. Dezember 1941 wurde Jozef Gabčík und Jan Kubiš, beide Exiltschecheslowaken und Mitglieder des britischen Special Operations Executive (SOP) – einer Spezialeinheit zur Spionage und Sabotage – per Flugzeug Richtung Tschechoslowakei geschickt. Durch einen Fehler des Piloten landeten die beiden aber nicht wie vorgesehen in der Nähe von Pilsen, sondern in der Nähe des über 100km entfernten Nehvizdy. Sich von dieser Panne nicht beirren lassend reisten sie anschließend incognito nach Pilsen um ihre Kontaktperson vom tschechischen Widerstand zu treffen und von da aus weiter nach Prag. Hier fanden sie Unterschlupf bei Familien die dem tschechischen Widerstand nahe standen und begannen konkrete Pläne zur Ermordung Heydrichs zu schmieden. Aber auch in Prag lief nicht alles wie geplant und zwei Attentatspläne mussten verworfen werden. Schließlich beschlossen Gabčík und Kubiš zusammen mit anderen Agenten des SOP die Ermordung Heydrichs in Prag.
Am Morgen des 27. Mai 1942, warteten Gabčík, Kubiš und ein weiterer Widerstandskämpfer an einer Kurve in der Prager Vorstadt Libeň auf den Wagen Heydrichs um ihn auf dem täglichen Weg zu seinem Amtssitz – der Prager Burg – abzufangen . Um 10:32 Uhr näherte sich der offene Wagens Heydrichs der Kurve und Gabčík erhob eine Maschinenpistole gegen Heydrich. Nur, wie so oft während der ganzen Operation, funktionierte auch hier nicht alles wie es sollte und die Maschinenpistole versagte. Heydrich – von sich selbst sowie davon überzeugt, es mit einem Einzeltäter zu tun zu haben – ließ seinen Chauffeur stoppen und zog seinerseits eine Waffe. Daraufhin erschien Kubiš und eine Handgranate ließ die Heldenträume Heydrichs ein für allemal platzen.
Den drei Agenten gelang zunächst die Flucht und Heydrich wurde schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert wo ihm aber auch der eigens eingeflogene Hausarzt Himmlers Karl Gebhardt nicht mehr helfen konnte.
Der „Schlächter von Prag“ starb am 4. Juni 1942 und Gebhardt versuchte sein Ansehen bei Himmler, welches er durch Fehler bei der Behandlung Heydrichs verloren hatte, durch Experimenten an Gefangenen des KZ's Ravensbrück wieder zurück zu gewinnen.
.
.
Das Ende
Als Vergeltung für den Tod Heydrichs wurden die tschechischen Ortschaften Lidice sowie Ležáky von deutschen Truppen dem Erdboden gleichgemacht und die männliche Bevölkerung ermordet. Die Frauen und Kinder der beiden Ortschaften wurden in Konzentrationslagern interniert und überlebten den Krieg zum größten Teil nicht.
Derweilen hatten sich Gabčík, Kubiš und fünf andere Agenten, die an der Durchführung des Attentats beteiligt waren, in der Krypta der Kirche St. Cyrill und Method in Prag versteckt und warteten dort auf eine Gelegenheit die Stadt zu verlassen. Dazu sollte es aber leider nicht mehr kommen. Ein weiterer aus Großbritannien eingeflogener Widerstandskämpfer, Karel Čurda, ging der Gestapo ins Netz und packte aus. Er verriet unter Anderem Familie Moracová, welche die Attentätern unterstützt hatte und lieferte sie so der Folter und Ermordung durch die Gestapo aus. Unter grausamster Folter gab der Sohn der Familie schließlich den Unterschlupf der Agenten preis. Daraufhin umstellte die SS am 17. Juni 1942 die Prager Kirche.
Trotz des Einsatzes von 700 SS-Soldaten sollte es den deutschen Besatzern aber nicht gelingen die Kirche ohne Gegenwehr einzunehmen. Zwei Stunden verteidigten die sieben Agenten die Kirche gegen die Angriffe der SS und töteten 14 deutsche Soldaten. Nachdem drei ihrer Mitstreiter, darunter auch Kubiš, getötet worden waren verschanzten sich die Überlebenden in der Krypta der Kirche, wo sie nach mehrstündiger Belagerung den Freitod wählten.
Der Prager Bischof Gorazd sowie der Prister der St. Cyrill und Method Kirche bekannten sich im Folgenden dazu die Attentäter in der Kirche versteckt zu haben und wurden am 4. September 1942 von den deutschen Besatzern ermordet.
.
.
.
.
.
Die Toten von Ležáky und Lidice
.
Familie Moracová
.
Jan Kubiš
.
Jozef Gabčík
.
Adolf Opálka
.
Jan Hrubý
.
Jaroslav Švarc
.
Josef Valcík
.
Josef Bublík
.
Matěj Pavlík
.
All jene die hier ungenannt blieben
.
.
.
.
read on:
.
Helmut G. Haasis - Tod in Prag
.
M. Reisinger - Operation Anthropoid
.
.
Auf den Ereignissen basierende Verfilmungen:
.
Hangman also die! (F. Lang + B. Brecht)
.
Operation Daybreak
.
.
.
